Der Gemeindebrief

Der jeweils aktuelle Gemeindebrief der Evang. Kirchengemeinde Isny

Hier finden Sie Näheres zum neuen Gemeindebrief vom April 2019 mit einem "Nachgedacht" von Pfarrer Dietrich Oehring.

Nachgedacht

Von Fröschen, Pfarrstellen und dem Osterwunder

Vielleicht haben Sie schon einmal von dem Experiment gehört, wo man Frösche in ein Gefäß mit Wasser setzt. Ist dieses Wasser zu heiß, so dass der Frosch verbrüht würde, dann springt er sofort wieder heraus. Beginnt man aber mit kaltem Wasser und erhöht die Temperatur langsam, dann bleibt der Frosch angeblich darin sitzen – sogar so lange, bis er stirbt. Eine langsame Verschlechterung kann also dazu führen, dass man sie gar nicht so recht bemerkt, während man eine plötzliche klar erkennt und darauf reagieren kann.

Noch vor wenigen Jahren gab es in Isny 4 ½ Pfarrstellen, die mit insgesamt 6 Personen besetzt waren: In der Gemeinde arbeiteten die PfarrerInnen Johannes Ringwald (100 %), Ulrike Mitt (50 %) und Bärbel Barthelmeß (50 %), in den Kliniken und Einrichtungen Manfred Scheffeck (100 %), Michael Mitt (100 %) und Amrei Kleih (50 %).
Von diesen Stellen sind derzeit noch 200 % mit insgesamt 3 Personen besetzt: Dietrich Oehring (100 %), Stefan Ziegler (50 %) und Michael Mitt (50 %). Alle anderen sind über die letzten Jahre aus unterschiedlichen Gründen weggefallen: Durch Stellenkürzungen (wie im Pfarramt II), Wegfall von Aufgaben (nach dem Ende des Krankenhauses) oder aktuell durch den Ruhestand unseres Klinikkollegen Manfred Scheffeck – das ist die einzige Stelle, die (irgendwann und hoffentlich bald!) wiederbesetzt wird.

Es ging wie bei den Fröschen – schleichend und allmählich. Aber irgendwann merkt man natürlich, dass mit der halben Besetzung nicht genauso viele oder gar neue Aufgaben möglich sind. Und wie der Frosch merkt man dann zwar, dass es irgendwie immer ungemütlicher wird – aber der Wille, herauszuspringen und etwas zu verändern, ist eben trotzdem oft nicht groß genug. In dieser Situation finden sich in den letzten Jahren viele Kirchengemeinden im Land. Und gerade da, wo man früher (wie bei uns) gefühlt aus dem Vollen schöpfen konnte, gerade da wächst dann manchmal eine Unzufriedenheit („es ist halt alles ‚nemme dees‘“) und auch die Resignation bei den verbliebenen Ehren- und Hauptamtlichen („Was sollen wir denn noch alles machen?“).

Meine Frage ist: Darf man von so etwas überhaupt sprechen? Darf man zugeben, dass es zur Zeit wohl nicht mehr darum geht, immer noch was drauf zu packen, ständig zu wachsen und Angebote zu erweitern? Sondern dass die Aufgabe ist, mit den vorhandenen Mitteln vernünftig und verantwortlich umzugehen, und deswegen auch Dinge sein zu lassen?

Ich habe den Eindruck: Das wird nicht gerne gehört. Die Wachstums- und Fortschrittsideologie unserer Gesellschaft verbietet das. In Politik oder Wirtschaft gehört es dazu, dass man ständig von Wachstum spricht; und selbst, wenn einfach alles nur bleibt, wie es ist, löst das schon Unruhe und Unzufriedenheit aus. Und von diesem Geist lässt sich die Kirche durchaus anstecken.

Meine Überzeugung ist aber: Das ist kein christlicher Geist. Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht eine Geschichte, die nicht von Erfolg und Wachstum erzählt, sondern von Scheitern und Niederlage: Die Geschichte vom Tod Jesu. Nach menschlichem Ermessen keine Geschichte, mit der man irgendwie für sich werben könnte; keine Geschichte, die einen einlädt, da unbedingt dabei zu sein und mitmachen zu wollen.

Die andere Hälfte dieser christlichen Kern-Geschichte ist aber: Gerade aus diesem Scheitern hat Gott das neue Leben wachsen lassen, gerade aus dieser Niederlage hat er den größten Sieg von allen gemacht: Den Ostermorgen und die Auferstehung vom Tod. Mein Namensvetter, der große Theologe Dietrich Bonhoeffer hat das in einem Brief aus seiner Gefängniszelle einmal so formuliert:
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Und genau deswegen, wegen dieser österlichen Zuversicht, glaube ich: Eine christliche Gemeinde muss nicht – nein: Sie darf nicht verzagen, wenn die Ressourcen weniger werden, egal, ob es um Pfarrstellen, Geld oder öffentlichen Einfluss geht. Sie müsste wissen und glauben, dass gerade da Gott neues Leben wachsen lassen kann. Das Osterwunder sollte alljährlich der Wachmacher sein, der uns – wie den Frosch – dazu bringt, herauszuhüpfen aus dem, was uns schleichend umbringt. Ein Sprung ins Ungewisse – aber keiner ins Leere, sondern in Gottes Zukunft und das neue Leben.

Ich wünsche uns allen ein gesegnetes Osterfest!  

Pfarrer Dietrich Oehring

Gemeindebrief April 2019 (826 kb)