Der Gemeindebrief

Der jeweils aktuelle Gemeindebrief der Evang. Kirchengemeinde Isny

Hier finden Sie Näheres zum neuen Gemeindebrief vom November 2018 mit einem "Nachgedacht" von Pfarrer Stefan Ziegler.

Nachgedacht

Frieden in uns, Frieden um uns

„Diese Weihnachtszeit findet uns als ziemlich ratloses Menschengeschlecht. Wir haben weder Frieden in uns noch Frieden um uns.“ So begann Martin Luther King seine Weihnachtspredigt vor 51 Jahren in Atlanta. Weil Rückschläge, scheinbar fruchtlose Mühen, fortgesetzte Ausgrenzung und Diskriminierung ML King wie denen, die ihm zuhörten, die Hoffnung raubten.

Weil die erlebten Rückschläge nicht mit dem tiefen Glauben zusammengehen wollten – und es auch heute nicht wollen –, dass mit jenem kleinen Kind in jenem fernen Stall eine nie dagewesene Hoffnung auf Frieden in die Welt kam: „Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind!“

Wenn gewonnen geglaubte Gerechtigkeit, Lebenshoffnung wieder zerrinnt: Aus den kleinen, großen Siegen im gewaltlosen Kampf gegen die Rassendiskriminierung wurde plötzlich neuer Hass, neue Gewalt gemünzt. Obwohl der große Krieg des 20. Jahrhunderts noch sehr lebhaft in Erinnerung war, begann in den 60er Jahren der Unfriede zwischen den Nationen schon wieder sich in Kriegen zu entzünden.

Und hier und heute: Demokratische Kultur wird zerrissen zwischen dem Gewinnstreben der Geschäftemacher und dem persönlichen Machtstreben der Populisten – und der Unfähigkeit von Politikern, ihre Standpunkte zu sinnvollen Kompromissen zu bündeln. Und auch die Kriege werden wieder gefährlicher. Der Zweite Weltkrieg versinkt mehr und mehr im Nebel des Vergessens – noch nicht, was die Kenntnis der Fakten betrifft, wir wissen es noch, was geschah, aber was Emotion und Erfahrung betrifft: Was es an Leid bedeutet, beginnt sich verheerenderweise unserer Erinnerung zu entziehen. All das spüren wir. So haben viele beim Krieg am Golf oder in Jugoslawien noch eher darauf vertraut, dass die Kämpfe zeitlich und räumlich begrenzt bleiben: Heute dagegen machen uns die Kriege und Bürgerkriege wieder mehr Angst.

Wenn gewonnen geglaubte Gerechtigkeit, Lebenshoffnung wieder zerrinnt, und dasselbe gilt anlog im Persönlichen genauso wie im Geschichtlichen, wird der Traum vom Frieden als das sichtbar, was er ist: Träumerisch.

Ja, mag sein, dass diese gefährliche Rückwärtsbewegung, Wiederholung der Geschichte den Traum vom Frieden, wie ihn z.B. Martin Luther King träumte und lebte, als das was er ist entlarvt, als Traum eben. Aber doch als Traum mit lebendiger Zukunft: „Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.“ So singt der 126. Psalm.Ja, weil wir heute schon das Träumen üben. Träumen vom Frieden. Den Traum unser Sehnen, unser Denken, unser Handeln erobern lassen. Und dann wird er im Kleinen Wirklichkeit: Wenn zwischen zwei Menschen für einen Moment ein wenig Frieden entsteht. Dann wird der Traum geteilt und weitergegeben. Zwischen Asylsuchenden und Helfenden. Zwischen Oma und Enkel. Zwischen streitenden Eheleuten, die sich umarmen. Mit jedem Mal, dass Menschen so etwas erleben, wird das Träumen leichter – oder der Traum etwas wirklicher. Der Traum vom Frieden auf Erden, den Jesus uns brachte. Man kann ihn vor dem inneren, träumenden Auge sehen, am Weihnachtsfest, wenn Jesu Geburt erzählt, gespielt, gefeiert wird. Und auch sonst jeden Tag, wenn man aufmerksam ist: Den Tag, an dem er anbricht, der Frieden. Martin Luther King schließt seine Predigt mit den Worten: „Es wird ein ruhmvoller Tag sein, die Morgensterne werden miteinander singen und alle Kinder Gottes vor Freude jauchzen.“

Herzlich

Ihr Pfarrer Stefan Ziegler

Gemeindebrief November 2018 (PDF 1898 kb)