Paul Fagius III

Schluss der biografischen Skizze
 
Fagius in Konstanz, Straßburg und Heidelberg, die letzte Zeit mit Bucer in England.


 
In den "Transferverhandlungen" setzt sich der Straßburger Rat, der Fagius zum Pfarrer an Jung St. Peter und Professor für Altes Testament an der ‚Hohen Schule' gewählt hat, schließlich durch. Auf ihr hartnäckiges Drängen hin ereichten die Konstanzer es aber, dass Fagius ihnen vorläufig ‚überlassen' wird. Damit heißt es im Jahr 1543 für die Isnyer nun endgültigen Abschied von Paul Fagius Isny zu nehmen. Für einige Jahre aber war das Allgäustädtchen zu einem wissenschaftlichen Zentrum von europaweiter Bedeutung geworden.

Knapp zwei Jahre wirkt Fagius als Pfarrer in Konstanz. Dabei ist er weiterhin auch wissenschaftlich tätig und verfasst, verlegt und druckt dort mehrere hebräische Werke. Diese Arbeit führt er in Straßburg weiter, wohin er 1544 mit seiner Familie übersiedelt und wo auf ihn eine Fülle von Arbeit wartet im Pfarr- und Lehramt. Dazu übernimmt er, gemeinsam mit Martin Bucer, die Aufgabe, das Leben der jungen Kirche zu ordnen und ist als einer der führenden Straßburger Geistlichen beteiligt an der Weiterentwicklung der reformatorischen Theologie in Deutschland. Von Straßburg aus betätigt sich Fagius auch in seiner Heimat, der Pfalz, wo er die Gemeinden visitiert. Kurfürst Friedrich II. beruft ihn 1546 nach Heidelberg. Er soll dort als Hofprediger für die Reformation wirken und Gutachten zu einer Reform von Schule und Universität zu erarbeiten. Was er dann vorschlägt, wird vor allem von den Universitätsprofessoren abgelehnt. Sein Schulplan aber hat sich durchgesetzt, in seinen Grundzügen ist er noch heute der Kern der humanistischen Gymnasialbildung!

1547 ändert sich die politische Lage für die Evangelischen dramatisch: Kaiser Karl V erlässt eine einstweiligen Verfügung, das ‚Interim', durch das die kirchlichen Verhältnisse vor der Reformation wiederhergestellt werden sollen. Es schränkt den Bewegungsspielraum der Evangelischen so sehr ein, dass seine Bedingungen für sie unannehmbar sind. Viele der führenden Reformatoren fühlen sich - nicht zu Unrecht - bedroht und verlassen Deutschland. Als schließlich das Gerücht umgeht, der Kaiser wolle alle Interimsgegner verhaften lassen, legt der Straßburger Magistrat Bucer und Fagius, den schärfsten Gegnern des Interims, nahe, die Stadt und das Land zu verlassen. Am 3. März 1549 hält Fagius eine bewegende Abschiedspredigt (deren Inhalt uns übrigens überliefert ist). Einige Wochen noch halten sich Fagius und Bucer im Untergrund versteckt, dann machen sich die beiden auf die Reise über Frankreich nach England, wohin sie eine Einladung des Erzbischofs von Canterbury und des Herzogs von Somerset erhalten hatten. Sie erleben dort einen großen Empfang. Als erstes werden die beiden berühmten Gelehrten mit der Übersetzung der Bibel aus dem Urtext ins Lateinische betraut. Aber obwohl man sich in London geradezu rührend um sie kümmert, geht es ihnen schlecht. Sie leiden unter Heimweh und - was Fagius mehrmals nach Hause schreibt - dem seltsamen englischen Essen.
 
    
    
Fagius erkrankt schwer. Als er auf einen Lehrstuhl in Cambridge berufen wird, lässt er sich zwar noch dorthin bringen, kann aber sein Amt nicht mehr antreten. Nach dreimonatigem Krankenlager stirbt Paul Fagius dort am 13. November 1549, gerade erst 45 Jahre alt. Sein Freund Martin Bucer überlebt ihn um nur wenig mehr als ein Jahr. Beide werden in Cambridge beerdigt.

Jahre später kommt es zu einem für uns heute nicht mehr nachzuvollziehenden makabren Vorgang: Als Maria Tudor an die Regierung kommt, setzt sie, die ‚Bloody Mary', mit Verfolgungen und Massenhinrichtungen von Protestanten eine katholische Reaktion im Land durch. Über die beiden toten Reformatoren lässt sie 1556 ein förmliches Ketzergericht halten und vollstrecken: Ihre Gebeine werden ausgegraben und öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Vier Jahre später, unter Marias Nachfolgerin Elisabeth I. werden Fagius und Bucer rehabilitiert. An der Universitätskapelle in Cambridge sind Gedenktafeln für sie angebracht.

 

Der lateinische Vers unter diesem 1550, also kurz nach seinem Tod, entstandenen Bild von Fagius heißt übersetzt: Frage nicht, wer ich gewesen bin: Geist und Glauben, Leben und Sterben hatt' ich mit Butzer gemein.

 

Paul Fagius hat im wesentlichen in drei Arbeitsbereichen Bedeutsames geleistet:
Als Pfarrer und Seelsorger, als Lehrer und Erzieher und als Gelehrter und Ausleger des Alten Testamentes. Sein Lebenswerk ist - jedenfalls über Isny hinaus, wo er für den Aufbau der evangelischen Gemeinde und des Schulwesens von entscheidender Bedeutung war - sicher nicht so bekannt wie das anderer Reformatoren. Doch sollte man seinen Beitrag zur oberdeutschen Reformation nicht unterschätzen. Sein größtes Verdienst liegt sicher in seinem Bemühen um ein neues Verstehen der Hebräischen Bibel. Dafür überschreitet Fagius schon sehr früh die Grenzen der eigenen Religion, um mit Hilfe jüdischer Gelehrter ein möglichst umfassendes Bild des ersten Teiles unserer Bibel zu bekommen. Er folgt darin dem reformatorischen Grundsatz "ad fontes" - hin zu den Quellen.

(Johannes Ringwald, zusammengestellt v. a. nach Richard Raubenheimer, Paul Fagius, 1957)
   

 

 

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