Paul Fagius - Fortsetzung

 

Wie es mit Fagius weiterging
 
2. Teil der biografischen Skizze: Paul Fagius und Elias Levita - In Isny arbeitet die erste hebräische Druckerei in Deutschland
 
Schon seit einigen Jahren hatte Paul Fagius vorgehabt, für das Studium der Bibel wichtige hebräische Schriften zu veröffentlichen. Jetzt, als Pfarrer in Isny, konnte er dieses Vorhaben endlich verwirklichen. Zwei Männer machten ihm dies möglich. Der eine war der Ratsherr Peter Buffler, der ihm die gewaltige Summe von 3.000 Gulden vorstreckte. Ein - wie sich später leider zeigte - zum größten Teil verlorenes Darlehen zur Errichtung einer Druckerei. So entstand neben seinem Pfarrhaus in der Espantorstraße eine hebräische Druckerei, - die erste in Deutschland. Obwohl sie wahrscheinlich nur bis ins letzte Drittel des 16. Jahrhunderts in Betrieb war, ist das Gebäude bis heute erhalten geblieben (lediglich das Dach hat dem Jahrhunderte langen Druck von Wind und Wetter und Schnee nicht standgehalten).
Die andere wichtige Persönlichkeit war der Rabbiner Elia ben Ascher ha-Levi, oder - in der damals üblichen latinisierten Form des Namens - Elias Levita. Er stammte aus Neustadt a. d. Aisch, lebte und lehrte allerdings schon lange in Italien, zuletzt in Venedig. Ein besonderes Anliegen Levitas war die Vermittlung hebräischer Sprachkenntnis an die christlichen Theologen, was ihm bei ihnen den Ehrennamen "Lehrer der Christenheit" einbrachte.
Für Fagius war es eine "göttliche Fügung", die ihn, der für seine hebräische Druckerei einen kompetenten Fachmann suchte, und Levita, der in Venedig keine Möglichkeit hatte, zu drucken und deshalb dringend eine Druckerei für seine Werke suchte, zusammenbrachte. Wahrscheinlich aber war es so, dass - anders als wir uns das heute vorstellen - das Abendland damals schon vernetzt war. Und in den entsprechenden wissenschaftlichen Kreisen Europas waren die beiden Gelehrten wohl bekannt.
Wieder wird es Peter Buffler gewesen sein, der es finanziell möglich machte, dass Levita von 1540 bis 1542 nach Isny kam. Länger hielt der jüdische Gelehrte es hier einfach nicht aus, er war immerhin schon knapp 70, vermisste seine Familie und kam vor allem mit dem bitterkalten Allgäuer Winter nicht zurecht.
Aber in diesen zwei Jahren waren die beiden Gelehrten ungemein produktiv. 20 Schriften entstanden in der Druckerei, verfasst von Levita, von Fagius oder von ihnen herausgegeben: hebräische und chaldäische Werke, Bibelkommentare, Wörterbücher, Gebetbände, altes rabbinisches Schrifttum. Wenn man sich einige der in der Prädikantenbibliothek aufbewahrten Bände anschaut, ist man beeindruckt davon, dass dies nicht nur eine grandiose literarische Leistung war - die Bücher sind auch typographisch wunderschön gestaltet.

 

In einigen Drucken findet sich das Druckerzeichen, das Fagius sich anfertigen ließ. Es zeigt eine Buche (sie steht ebenso für ihn, Büchlin, wie für seine Frau, Agnes Buchbaum) und einen Storch, der am Fuß der Buche Frösche fängt; der verweist auf Fagius' Schwager Ranivorius. Jakob Froschesser, wie er gut deutsch hieß, war Werkmeister in der Druckerei und hat sie nach Fagius' Wegzug wohl auch noch einige Zeit weitergeführt. Das Druckerzeichen ist umrahmt mit dem Vers Matthäus 7,17 "Jeder gute Baum trägt gute Frucht" in griechischer, hebräischer und lateinischer Schrift.

 

 

Man kann sich ausmalen, wie unwahrscheinlich hart Paul Fagius in dieser Zeit gearbeitet haben muss, wo er doch neben der Arbeit mit der Druckerei in erster Linie ja als Gemeindepfarrer, Schulleiter und Reformationstheologe tätig ist und - nicht nur im schrecklichen Pestjahr 1542 - vor allem auch als Seelsorger beansprucht wird. Außerdem führt er noch eine umfangreiche wissenschaftliche Korrespondenz. Seine Tätigkeit als Herausgeber ist denn auch, wie er mal beiläufig bemerkt, vorwiegend Nachtarbeit. Dass dabei die betriebswirtschaftlichen Aspekte in der Führung eines Druckereibetriebs zu kurz kommen müssen, liegt auf der Hand. Da sich die Druckerei nicht trägt, gibt es ziemlichen Ärger mit dem Geldgeber Buffler, bis der sich dann schließlich auch da großzügig zeigt und auf alle Forderungen verzichtet. Elias Levita jedoch hat dem Paul Fagius ein kaum zu überbietendes Lob gewidmet: In Anlehnung an eine rabbinische Sentenz schreibt er in einem Vorwort, dass es von Paulus (dem Apostel) bis Paulus (Fagius) keinen gegeben habe, der dem Paulus gleichgekommen sei!

Kein Wunder, dass der gerade erst 39-jährige nun ein viel gefragter Mann ist: In Isny kommt es 1542 zu Konflikten in der Gemeinde. Was vorgefallen ist, wissen wir nicht. Dass Paul Fagius daraufhin von hier weg will, scheint sich aber ziemlich herumgesprochen zu haben. So bietet man ihm in Marburg eine Professur an für Altes Testament an der neu gegründeten Universität. In Straßburg und in Konstanz sind nahezu gleichzeitig bedeutende Männer der Reformation an der Pest gestorben; darum will man ihn in Straßburg zum Nachfolger von Wolfgang Capito bestellen, seinem früheren Lehrer, in Konstanz wünscht man sich ihn als Nachfolger von Dr. Johannes Zwick. Da die Isnyer erst einmal gar nicht daran denken, ihren so beliebten Pfarrer gehen zu lassen, kommt es zu langwierigen, gelegentlich in recht scharfem Ton geführten Verhandlungen zwischen den drei Städten. (Da dabei zunächst auch noch eine hohe ‚Ablöse' - zur Tilgung des für die Einrichtung der Druckerei in Isny gewährten Darlehens - im Spiel ist, drängt sich einem beim Lesen der Berichte von den Ereignissen vor 450 Jahren direkt der Vergleich auf mit heutigen Transferverhandlungen in der Bundesliga...).

 

 

 

 

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zum 3. Teil und Fagius-Jubiläum
Paul Fagius III
Paul Fagius 2004


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